Eine Ortsbeschreibung Raums aus der Zeit um 1820 enthält das vom Zwickauer Buchhändler August Schumann (dem Vater des Komponisten Robert Schumann) herausgegebene „Staats-, Post- und Zeitungslexikon". Darin lesen wir u. a.: „Raum ist eng zusammengebaut, enthält meist Gärtner und Häusler, im ganzen 55 Wohnungen und 300 Bewohner (1764 zählte man nur 34 Feuerstätten oder Häuser). Südwestlich über dem Dorfe liegt eine kleine Ziegelei, noch höher oben die Scharfrichterei. Im Dorfe sind zwei Mühlen, davon eine am Schwemmteich liegt, und ein geringer, aber sehr starker besuchter Gasthof, welcher zugleich die fürstliche Geleits-Einnahme enthält und ein Türmchen mit einer Schlaguhr trägt. Die wenigen Feldbesitzer säeten 1619 gegen 18 Scheffel Korn und ebensoviel Hafer aus und erbauten gegen 500 Scheffel Erdäpfel." Die kleine Gemeinde Raum zwischen Beutha und Hartenstein gehört seit der Verwaltungsreform 1952 zum Landkreis Stollberg. Raum ist eine Spätgründung und erst im 17. Jahrhundert entstanden. Ursprünglich war „Raum" ein Flurname. Als herr- schaftliche Wirtschaftsbetriebe waren in der Besiedlung entstanden: Die Schäferei, der Kalbenhof und das Gasthaus „Zur grünen Tanne".
a) Der Gasthof „Zur grünen Tanne"
Das Thierfelder Kirchenaktiv gibt als Gründungsjahr dieser heute noch bestehenden Einkehrstätte das Jahr 1652 an. Die Schönburgische Herrschaft ließ sich zum Bau durch den lebhaften Verkehr bewegen, welcher sich „auf dem Raum" abspielte. Wie heute noch trafen dort zwei uralte Verkehrswege aufeinander. Der eine kam von Zwickau und führte über Wildenfels und Hartenstein auf die Höhe; der andere hatte seinen Ausgangspunkt in Leipzig, berührte Altenburg, Glauchau, Lichtenstein und näherte sich von Norden her dem Raum. Hier „auf dem Rauem" vereinigten sich beide Züge zu einer überaus wichtigen Verkehrsader, die ins obere Gebirge und von da nach Böhmen führte. Manchen schwerbeladenen friedlichen Warenzug, manche kriegerische Schar, wohl auch zuweilen lichtscheues, räuberisches Gesindel sah der hochgelegene „Raum" an sich vorüberziehen. So war es auf alle Fälle kein schlechter Gedanke, dort eine Gaststätte zu errichten.
Die Herrschaft verpachtete den Gasthof. Von allem Anfang war mit dem Betrieb der Gastwirtschaft die Geleitseinnahme, d. h. die Erhebung des Straßenzolles verbunden. Der jeweilige Pächter musste dafür außer der Pacht für den Gasthof einen bestimmten Jahressatz an die herrschaftliche Rentkasse zu Hartenstein abführen. Im Jahre 1712 zahlte der Pachtinhaber Christian Mehlhorn jährlich 80 Gulden, nämlich 40 Gulden für die Gastnutzung und 40 Gulden für das Geleit.
1717 schloss die Herrschaft mit einem aus Kriegsdiensten entlassenen Invaliden einen neuen Pachtvertrag ab. Bei dieser Gelegenheit setzte das Rentamt auf, „was der Pacht des Gasthofes zum Raum ohngefahr abwürfft, auf das geringste angeschlagen". Dieser Vorschlag lässt uns den großen Umfang des Fuhrverkehrs erkennen.
Zu einer gewissen Berühmtheit gelangte die „Grüne Tanne" dadurch, dass der in ganz Deutschland bekannte und gefürchtete Räuberhauptmann Nicol List in derselben einige Jahre als Pächter saß.
Bis 1783 blieb die „Grüne Tanne" Eigentum der Schönburgischen Herrschaft. Fast alle drei Jahre wechselten die Pachtinhaber.
Als sich die Verkehrsverhältnisse durch den Bau von Eisenbahnen änderten und der Straßenverkehr dadurch großen Abbruch erlitt, war auch die Blütezeit der „Grünen Tanne" vorüber.
b) Die Schäferei
Sie ist älter als der Gasthof.Ihr Entstehungsjahr ist zwar unbekannt, aber sie wird des öfteren schon vor dem Dreßigjährigen Krieg erwähnt. 1604 war sie der Schauplatz eines Mordes.
c) Die Mühle
lag unmittelbar am Damm des heute noch vorhandenen Mühlteiches. Dieser Teich tritt einige Male als sogenannter „Schwemmteich" auf. Das besagt, dass die Schafe aus der benachbarten Schäferei vor der Schafschur hier in die Schwemme getrieben wurden, um dadurch die Wolle von Schmutz und allem Unrat zu säubern.
d) Der Kalbenhof
stand in der Mitte des heutigen Dorfes, nicht weit von der Stelle, wo
der Fahrweg nach Beutha von der Staatstraße abzweigt. Einige Male
wird er in Urkunden „das herrschaftliche Vorwerk uffm Raum" genannt. Die
günstige Weidegelegenheit auf der gut bewässerten Hochebene mag
die Veranlassung gewesen sein, das Jungvieh da selbst unterzubringen, woher
die Bezeichnung
„Kalbenhof" seine Erklärung findet.
Alle die erwähnten. Gebäude bildeten aber keinen geschlossenen Ort, kein Dorf. Dazu war die Anzahl der Bewohner zu gering. Auch fehlte für ein Gemeindewesen die notwendige Selbständigkeit.
Einen Wendepunkt brachte das Jahr 1686. Mit diesem Jahr setzte ein wesentlicher Fortschritt in der Besiedelung des „Raums" ein.
Da fasste nämlich die gräfliche Herrschaft auf Schloss Hartenstein
den Plan, „auff dem bishero unnutzbaren Platz unter dem Schwemmteich der
Raum genannt, allwo das neue Wirths-Haus erbauet ist, noch einige andere
Häuser bauen zu lassen". Damit hatte die Geburtsurkunde eines neuen
Dorfes im Schönburgischen geschlagen. Denn der Plan fand rasch Verwirklichung.
Eine
eifrige Bautätigkeit setzte ein. Ein Häuschen reihte sich
an das andere, und innerhalb eines Zeitraumes von 25 Jahren entstanden
40 Wohnhäuser.
Den Bewohnern des neuen Dorfes waren einige Vergünstigungen versprochen und bestätigt worden, die ihnen jedoch die Herrschaft von Schönburg einige Male streitig machen wollte. Die Raumer kämpften gegen diese feudalen Belastungen und hatten manchmal Erfolg.
Die ersten Siedler waren Bedienstete des nahen Hartensteiner Schlosses. Später zogen auch einige aus den Nachbarorten herbei, weil die Raumer vor allem frei von Frondiensten waren.
Ihren Unterhalt fanden die meisten als Waldarbeiter oder Tagelöhner bei der Hartensteiner Gutsherrschaft. Doch, treten zeitig auch Handwerker auf. Vor allem fanden Schmiede gute Beschäftigung, weil der wichtige Straßenzug vom Gebirge ins Niederland den Raum durchschnitt.
Abgesehen von diesem Einzelfall waren die Verhältnisse im Dorfe Raum der Entwicklung der Landwirtschaft sehr ungünstig. Es fehlte nämlich fast gänzlich an privatem Grundbesitz. Es war auch schwer solchen zu erwerben. Wenn die Herrschaft zur Errichtung von Häusern Grund und Boden abtrat so geschah dies immer in sehr eng gezogenen Grenzen. Neben der eigentlichen Baustelle erhielt der Ansiedler nur einen recht bescheidenen Platz hinter dem Hause für einen kleinen Garten. So kommt es, dass die Raumer Dorfflur gleich hinter den Häusern endete. Sie umfasste nur rund 12 Hektar; das entspricht der Größe eines kleinen Bauerngutes. Das übrige Land musste von der Herrschaft gepachtet werden.
Erst durch die demokratische Bodenreform 1945 erhielten die Raumer Kleinbauern und Häusler, die im Laufe der Jahrzehnte hohe Pachtsummen an die Schönburgischen Junker gezahlt hatten, das Land, das sie schon lange bebaut hatten.
Das Junkerland wurde an die landlosen und landarmen Bauern aufgeteilt. So konnten die Raumer Bauern aus der Enge ihrer Dorfflur, die gleich hinter den Häusern endete, heraustreten und waren nicht mehr der Ausbeutung durch den junkerlichen Pachtherren ausgesetzt.
Dieser versuchte zwar, die Bodenreform zu hintertreiben, wollte sich sogar selbst als Landbewerber eintragen lassen, bis ihm schließlich die Arbeiter und Bauern die richtige Antwort gaben.
Nach Kriegsende, als viele Kinder ihre Eltern verloren hatten, wurde in der Meisterei ein Kinderheim eingerichtet, große Mittel wurden jährlich dafür ausgegeben, und unser Arbeiter-und-Bauern-Staat hatte die Elternschaft für die Waisenkinder übernommen.
Zur sozialistischen Umgestaltung auf dem Land schlossen sich die Bauern
von Raum der großen LPG Kooperation „Aktivist
Mitteldorf" an.
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