Die Stadt Hartenstein (H 1)

Die Entstehung der Stadt Hartenstein ist nicht mit der Gründung der gleichnamigen Grafschaft im 12. Jahrhundert gleichzusetzen. Die Hauptstadt dieser Grafschaft war Lößnitz, wohl eine der ältesten Städte des Erzgebirges. Der verdiente Chronist Richard Oertel meint, zur richtigen Stadt mit Markt- und anderen Stadtrechten sei Hartenstein erst nach 1400 unter den Grafen von Schönburg geworden. Hingegen meinen andere Heimatforscher, dass die Stadt schon 100 bis 150 Jahre früher gegründet worden sein müsste. Aber wir finden an ihr keine Befestigungsanlagen wie Mauer und Graben, die ja alle mittelalterlichen Städte bis zum 14. Jahrhundert nachweisen können. Schon allein diese Tatsache spricht für eine jüngere Entstehungszeit. Es muss deshalb unter allen Umständen als wesentlich festgehalten werden, dass der Name Hartenstein zuerst und lange Zeit nur auf den Rittersitz angewandt, später dann auf das Land und zuletzt auf die Stadt ausgedehnt wurde. Drei Begriffe sind demnach mit dem Namen Hartenstein verbunden.

Ein „Stetlin" wird Hartenstein in alten Urkunden genannt und das ist es ‚mit seinen rund 3700 Einwohnern auch heute noch. Das Wappen der Stadt trägt die rot-weißen Farben der Grafen von Schönburg, und die darüber gekreuzten Haken erinnern an das Andreaskreuz der ersten Landesherren, der Meinheringer, die vom 12. Jahrhundert bis 1406 über Hartenstein regierten.
Das alte Rathaus der Stadt stand mitten auf dem Marktplatz, an der Stelle, wosich heute das Fleming-Denkmal befindet. Als 1889 ein Brand das Rathaus vernichtete, wurde der Wappenstein gerettet. Er befindet sich über dem Eingang des jetzigen Rathauses. Er soll früher die Jahreszahl 1664 getragen haben; sicher das Baujahr des alten Rathauses.

Hartenstein war früher eine ausgeprägte Handwerkerstadt. Durch die Herren von Schönburg erhielten im 17. Jahrhundert folgende Innungen ihre Satzungen: die Fleischer 1688, die Schneider 1691, die Weber 1683, Schmiede, Wagner, Glaser, Bäcker, Tischler, Böttcher und Schuhmacher 1692, die Zimmerleute, Maurer und Schieferdecker 1703, die Strumpfwirker 1753.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts gewann die Hausweberei große Bedeutung. Kurz vor 1900 wurden aber die Hausweber durch Faktoreien so ausgebeutet, dass sie in große wirtschaftliche Not gerieten und die Weberei aufgaben. Es bildeten sich dann kleine Wäsche- und Bekleidungsindustriebetriebe; dazu kam später noch Schuhfabrikation. Diese kleineren Firmen entwickelten sich in neuester Zeit zu volkseigenen Betrieben mit hoher Leistungsfähigkeit. Sie reichen natürlich nicht aus, allen Werktätigen der Stadt Arbeit und Brot zu geben. Die größte Zahl der Hartensteiner Werktätigen arbeitet im nahen Erzbergbau sowie in den Fabriken der Industriestädte Zwickau und Aue.

Auf dem ehemaligen Marktplatz, 1945 zum Ernst-Thälmann-Platz umbenannt, wurden früher Jahr- und Wochenmärkte abgehalten. In den letzten Kriegstagen 1945 standen dort amerikanische Panzer und schossen über die Häuser in Richtung des Hartensteiner Waldes, wo SS-Einheiten durch ihren sinnlosen Widerstand die Einwohner von Hartenstein noch in große Gefahr brachten. Ein Grabkreuz auf dem Friedhof mit der Inschrift „Hier ruhen 11 unbekanntedeutsche Soldaten" zeugt noch davon. Die zerschossenen Häuser und gesprengten Brücken sind längst wieder aufgebaut, nur die Ruine des Schlosses und jenes Grabkreuz erinnern als Mahnmale an die Schrecken des grausamsten aller bisherigen Kriege.

Eines der schönsten und ältesten Gebäude von Hartenstein ist das Gasthaus „Weißes Roß". Es wurde nach einem Stadtbrand im Jahre 1624, dem das erste Gasthaus zum Opfer fiel, in der heutigen Form mit fränkischem Fachwerk aufgebaut. Es steht unter Denkmalschutz. Über den damaligen Stadtbrand berichtet der Hartensteiner Chronist Samuel Mittelbach: „Am 2. Dezember 1624 legten zwey böse Buben, Christian Korn, ein Schneider des Bürgers und Gerichtsschöppen Paul Korn Sohn, und Christoph Schneider ein Kürschner, in Hartenstein ein Feuer an, dem innerhalb 5 Stunden 28 Häuser - darunter das Rathaus mit dem eingebauten Brauhaus - und 14 Scheunen zum Opfer fielen. Die beiden Übeltäter wurden am 19. Juli 1625 nach eingeholtem Urteil verbrannt."

Als Persönlichkeiten aus der Geschichte der Uartensteiner Arbeiterbewegung treten besonders hervor: Hermann Sachse, der in den neunziger Jahren Vorsitzender. des Berg- und Hüttenarbeiterverbandes Sachsens wurde und bis 1933 die SPD als Reichstagsabgeordneter vertrat. Hermann Langer gründete 1903 die Konsumgenossenschaft und den Wahlverein in Hartenstein, die spätere Sozialdemokratische Partei. Willy Mehlhorn kämpfte bis 1933 als Bergmann und Landtagsabgeordneter der KPD für soziale Arbeitsbedingungen in den Oels- nitzer Steinkohlengruben. Von den Nazis wurde er verfolgt und ins Konzentrationslager Buchenwald gesperrt. Als „Aktivist der ersten Stunde" hat Willy Mehlhorn große Verdienste an der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung des Zwickau-Oelsnitzer Kohlenreviers. Lange Jahre war er Direktor des Oelsnitzer Karl-Liebknecht-Werkes. Er wurde mit dem Vaterländischen Verdienstorden ausgezeichnet. 1965 ist er im 71. lebensjahr in Hartenstein verstorben.

Im Jahr 1920 war ein besonderer Höhepunkt im Kampf der Hartensteiner Arbeiterklasse gegen Militarismus und Imperialismus. Auch Hartenstein wurde vom Kapp-Putsch erschüttert. Sozialdemokraten und Kommunisten übernahmen im Hartenstein jedoch die Macht und bildeten einen Aktionsausschuss. Im Schloss Wolfsbrunn hatte der Bergwerksdirektor Wolf Gewehre und Munition versteckt. Das war den Hartensteinern bekannt. Diese Waffen sollten eines Tages gegen sie oder ihre Klassenbrüder in Oelsnitz oder anderswo gerichtet werden. Also mussten die Waffen in die Hände der ersten proletarischen Hundertschaft, die von „roten" Bergarbeitern im Ort geschaffen worden war. Bewaffnete Oelsnitzer Bergarbeiter unter ihnen Willy Mehlhorn, halfen den Hartensteinern, als die 175 Gewehre, 2 Maschinengewehre und 5000 Schuss aus dem verlassenen Prunkbau zu holen waren. Diese Aktion war geglückt, jedoch nicht alle anderen. In mancher Situation konnte die bürgerliche Reaktion die Unentschlossenheit und Verworrenheit des Aktionsausschusses ausnutzen und die Hartensteiner Arbeiter um den verdienten Sieg bringen.

Ein weiterer heimatgeschichtlicher Höhepunkt in Hartenstein war zweifellos die demokratische Bodenreform im Jahre 1945. Der große Besitz des Fürsten von Schönburg-Hartenstein wurde an landlose und landarme Bauern, ehemalige Knechte und Umsiedler aufgeteilt. Nicht nur in Hartenstein selbst. sondern auch in vielen Orten, die einst zum Hartensteiner Herrschaftsgebiet gehört hatten, wurde die Bodenreform verwirklicht.

Es entstand die LPG „Vorwärts" vom Typ I, später III. anschließend erfolgte die Gründung der Genossenschaft „Muldental". Beide Genossenschaften gehören heute zur Kooperation LPG „Avant-Garde" Zschocken.